Zum 100. Todesjahr von Wilhelm Conrad Röntgen 2023

Teil IV: Wilhelm Conrad Röntgen – von den Schweizer Höhen zu den Niederungen des Alters

Zufluchtsorte

Blick von der Pferdekutsche über den Inn auf den Ort Sils-Baselgia am Silsersee. Am rechten Bildrand ist in der Ferne die Kirche des Ortes zu erkennen. Die Aufnahme entstand wohl während eines Ausflugs während des Familienurlaubs in Pontresina vom 20.August-14.September 1898.Abb 13: Die letzte Reise ins Engadin nach Sils-Baselga Blick von der Pferdekutsche über den Inn auf den Ort Sils-Baselgia am Silsersee. Am rechten Bildrand ist in der Ferne die Kirche des Ortes zu erkennen. Die Aufnahme entstand wohl während eines Ausflugs während des Familienurlaubs in Pontresina vom 20.August-14.September 1898.Archiv Deutsches Röntgen-MuseumRöntgen war aber bei Weitem kein Mensch, der ausschließlich gearbeitet hat. Im Frühjahr reiste das Ehepaar Röntgen oft für einige Wochen nach Italien und die Sommerurlaube verbrachte es von 1873 bis 1913 regelmäßig in Pontresina in der Schweiz, wo sich ein fester Kreis von Freunden jedes Jahr im Hotel Weisses Kreuz einfand. Die Hotelierfamilie (Trippi)-Enderlin war den Röntgens treu verbunden und sie korrespondierten viele Jahre regelmäßig miteinander. „Mit vier Wochen Pontresina verlängere ich jeweils mein Leben um ein Jahr“, so fasste Röntgen seine Begeisterung für den auf 1.800 m Höhe gelegenen Ort im Engadin zusammen. Dort konnte Röntgen gleich zwei seiner Leidenschaften nachgehen – zum einen dem Fotografieren, ein Hobby, das später auch für seine Entdeckung eine wichtige Rolle gespielt hat, und zum anderen dem Bergsteigen. Letztere führte ihn auch in die ein oder andere brenzlige Situation, und so resümierte Röntgen in späteren Jahren selbst: „Am liebsten ist es mir noch immer, von den begangenen Wegen abzugehen und über Stock und Stein zu wandern. Ich sagte schon Ritzmann, wenn ich einmal vermisst werden sollte, so sucht mich nicht auf der Landstrasse.“ Dazu ist es zum Glück nicht gekommen, denn seine letzte Lebensstation sollte München werden. 1900 folgte er dem Ruf als ordentlicher Professor für Physik an die Ludwig-Maximilians-Universität. Nicht viel später erwarb er auch sein „Jagdhäusel“ in dem von München aus mit der Eisenbahn leicht zu erreichendem Weilheim. Schon in Gießener und Würzburger Zeit war er ein begeisterter Jäger und zog gerne mit seiner „geliebten Schrotflinte“ durch Wald und Flur.

Die letzten Lebensjahre – Tod der Ehefrau und Einsamkeit

Noch in den letzten Lebenstagen seiner Frau im Jahr 1919 beantragte er die Emeritierung vom Lehrbetrieb, behielt jedoch die Direktion über die physikalisch-metronomische Sammlung und das Benutzungsrecht zweier Zimmer am Physikalischen Institut, sodass er weiter die Möglichkeit zu wissenschaftlicher Arbeit hatte. Die Erinnerung an seine Frau und ihre gemeinsame Zeit prägte seine letzten Jahre – er zog sich privat immer mehr zurück und hielt nur noch mit wenigen engen Freunden Kontakt. Im Sommer 1921 zog es ihn im Sommer noch einmal ins Engadin. Sein guter Schweizer Freund Ernst Wölfflin begleitete ihn. Zurück in München veröffentlichte Röntgen neu gestärkt in den Annalen der Physik gemeinsam mit seinem Assistenten A. Joffe seine letzte wissenschaftliche Abhandlung. Sie handelte vom Einfluss der Bestrahlung auf die Elektrizitätsleitung in einigen Kristallen. Im Jahr darauf verbrachte Röntgen wieder seinen Sommerurlaub in den geliebten Schweizer Bergen. Allerdings stand sein letzter Aufenthalt im Engadin unter keinem besonders guten Stern. Röntgen wollte allerdings nicht nach Pontresina reisen. Kurz zuvor war die langjährige Freundin der Familie und Hoteliergattin Hortensia Trippi-Enderlin in Pontresina gestorben. Er reiste deshalb nach Sils-Baselgia, fühlte sich aber dabei nicht so recht wohl. Auf der Reise bekam er zudem Asthma-Anfälle und seine Darm-Erkrankung kehrte zurück. Röntgen beschloss deshalb vorzeitig wieder abzureisen und zurück nach Lenzerheide zu fahren. Dies sollte Röntgens letzter Besuch in seiner geliebten Schweiz gewesen sein.

Portrait Wilhelm Conrad Röntgens, angefertigt für die Beantragung seines letzten Reisepasses (wohl im Mai oder Juni 1921). Röntgens Assistent Gerhard Freiherr du Prel nahm zwei Versionen des Fotos im Physikalischen Institut der Universität München auf. Nach dem Tode Röntgens am 10.02.1923 wurde das Foto für den Nachruf verwendet. Röntgens Haushälterin Käthchen Fuchs erinnerte sich 1956: Abb 14: Wilhelm Conrad Röntgen (Frühjahr 1921) Portrait Wilhelm Conrad Röntgens, angefertigt für die Beantragung seines letzten Reisepasses (wohl im Mai oder Juni 1921). Röntgens Assistent Gerhard Freiherr du Prel nahm zwei Versionen des Fotos im Physikalischen Institut der Universität München auf. Nach dem Tode Röntgens am 10.02.1923 wurde das Foto für den Nachruf verwendet. Röntgens Haushälterin Käthchen Fuchs erinnerte sich 1956: "Der [du Prel] hat das letzte Bild von ihm gemacht, dieses strenge. Als Passbild. ... Da ist ja das Bild auch. Und das ist, was der du Prel gemacht hat für den Pass. Da ist er doch noch die letzten paar Jahre ein paarmal in die Schweiz und da hat er einen Pass gebraucht. Und da hat ihn der du Prel im Institut fotografiert. Und das war dann ... ich bin ganz erschrocken wie dann nach seinem Tod das Bild da erschienen ist. Es hat kein Mensch gewußt woher das kommt. Und ich hab zufällig, hat er selber es mir gezeigt? Wahrscheinlich. Hat er gesagt: 'Schauen Sie, das hat der du Prel gemacht'". Der am 12.07.1921 ausgestellte Reisepass war für die Reise im "Inlande einschließlich des besetzten Gebietes und nach dem Auslande" gültig. Röntgen reiste mit dem Pass zweimal in die Schweiz: im Sommer 1921 und im Sommer 1922.Archiv Deutsches Röntgen-MuseumRöntgens immer schlechter werdender gesundheitlicher Zustand veranlasste ihn dann auch Ende Januar 1923 von seinem Landhaus in Weilheim wieder zurück nach München zu siedeln. Am 7. Februar traten bei ihm schwere Unterleibsschmerzen auf. Der Hausarzt verordnete sofort narkotische Suppositorien. Nach einer vorübergehenden Verbesserung verschlimmerte sich sein Zustand allerdings wieder. Aufgrund ausgesprochener Ileuserscheinungen wurde am Morgen des 10. Februar Ferdinand Sauerbruch zur Vornahme eines operativen Eingriffs kontaktiert. Kurze Zeit später verstarb Wilhelm Conrad Röntgen am 10. Februar 1923 in seiner Münchener Wohnung in der Maria-Theresia-Straße 11. Die Einäscherung fand am 13. Februar 1923 auf dem östlichen Friedhof in München satt. Im Namen des Königshauses sprach Prinz Alfons, für die Bayerische Regierung Ministerpräsident Dr. Eugen von Knilling und der zweite Bürgermeister der Stadt München Dr. Hans Küfner ihr tieftes Mitempfinden aus. Traueransprachen hielten u.a. Oskar von Miller, für das Deutsche Museum, Wilhelm Wien, Nachfolger Röntgens auf dem Lehrstuhl für Physik in München, Hermann Rieder für die Deutsche Röntgengesellschaft und Rudolf Grashey für die Münchener Röntgenvereinigung. 

Im November 1922 besuchte Röntgen ein letztes Mal Gießen. Er wollte das Grab seiner Eltern besuchen und mit den Behörden sprechen. In einem Brief an seinen Freund ernst Wölfflin vom 8.12.1922 berichtete er über sein Vorhaben. "In den ersten Tagen von November fuhr ich auf einen Tag nach Giessen, um dort das Grab meiner Eltern zu besuchen und Einiges darüber anzuordnen. Die Aschenurne [seiner Frau sic.], die ich jetzt verwahre, und die meinige sollen dort später beigesetzt werden." Nach einer zunächst erteilten Ablehnung wurden dann aber doch auf seinen besonderen testamentarischen Wunsch seine Asche und die Asche seiner geliebten Frau in der Familiengruft neben seinen Eltern Ende November 1923 auf dem Alten Friedhof in Gießen beigesetzt. Die geschah unter großer Anteilnahmen. Zugegen war u.a. der Rektor der Universität Gießen, Prof. Laqueur und seinem Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Physik Prof. Walter König. Das Lenneper Kreisblatt veröffentlichte einen Nachruf für seinen Ehrenbürger „Die Stadt Lennep wird den großen Forscher und stets hilfsbereiten Bürger nicht vergessen. Gleich groß als Gelehrter wie als Mensch steht er als leuchtendes Vorbild vor uns.“

veröffentlicht am Dienstag, 26. September 2023